Armut ist nicht weit weg
Husum – „Ich wünsche mir einen Mann für meine Mama, der nicht trinkt und uns nicht schlägt“ – ein neunjähriges Mädchen hat das gesagt. Ihre Aussage wurde im Gottesdienst der Friedenskirche verlesen, den Pastor Andreas Raabe gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sozialraumorientierten Jugendhilfe im Diakonischen Werk Husum vorbereitet hatte. Im Mittelpunkt stand das Thema Armut. „Zitate wie dieses machen deutlich, dass es auch hier Armut in vielfältiger Form gibt“, so Inken Voß-Carstensen, Leiterin der Einrichtung.
„Wir wollen Mut machen, sich der Armut zu stellen und sich gegen die Armut zu stellen“, so Andreas Raabe in seiner Begrüßung. Auf Wassertropfen aus Pappe hatten die Mitarbeitenden Zitate von Betroffenen gedruckt und verlasen sie vor der Gemeinde. „Mit dem Euro, den ich von der Zahnfee bekommen habe, habe ich jetzt schon vier, jetzt fehlen mir noch vier, dann habe ich das Geld für das Schulfest zusammen“, erzählt ein Grundschüler. Ein Siebenjähriger sagt zu Pflege-Eltern: „Nehmen Sie doch mich, wenn mein Bruder nicht will!“ Zitate von Eltern machten deutlich, dass in manchen Haushalten jeder Cent umgedreht wird. Unvorhersehbare Ausgaben wie eine kaputte Waschmaschine oder eine Heizkostenabrechnung stellen die Familien vor große Probleme.
Im Gottesdienst wurde deutlich, dass Armut viele Gesichter hat. Es gehe nicht allein um einen Mangel an Geld, so Inken Voß-Carstensen, sondern auch um soziale Ausgrenzung. „Da fehlt zum Beispiel die Teilhabe an Bildung“, sagte sie im Gespräch, „Talente und Neigungen werden nicht gefördert. Wir sehen das täglich.“ Andreas Raabe mahnte in seiner Predigt an, Vorurteile zu überwinden. Jesus habe die Menschen nicht an ihrem Einkommen gemessen, sagte der Pastor, Jesus habe ihnen ihre Würde zurückgegeben.
Das Jahr 2010 ist das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Im Mai und im Juni wurden in zahlreichen Gemeinden Nordfrieslands Gottesdienste gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Diakonischen Werks gestaltet. In Husum waren bei den Gottesdiensten in der Christus- und der Marienkirche sowie in der Friedenskirche erstmals Teile der Fotoausstellung zum Thema zu sehen, die das Diakonische Werk Rendsburg initiiert hat
Text und Bild: Inke Raabe
