Christo in Kotzenbüll
Das an sich ja beschauliche Dorf Kotzenbüll liegt inmitten der Landschaft Eiderstedt. Einige hundert Einwohner, ein paar Bauernhöfe, die über 500 Jahre alte St. Nikolai-Kirche, Weiden und Felder rundherum und das schön renovierte Alte Küsterhaus, in dem Ehrenamtliche der Kirchengemeinde einen erfolgreichen Café-Betrieb betreiben. Kurz: Ein Dorf, wie geschaffen um hier in großer Ruhe zu leben oder in großer Ruhe Urlaub zu machen. Doch Ende Juni kamen die Handwerker, in großer Zahl.
Wenige Einwohner, aber Handwerker in großer Zahl? Ja, die Handwerker sollten der hohen Luftfeuchtigkeit in der Kirche beikommen, sie auf ein antiquitätenverträgliches Maß drosseln – und gleichzeitig dem gescheckter Nagekäfer zu Leibe rücken.
Zuerst wurden die Kunstschätze der Kirche von den Mitarbeitern einer Tischlerei aus dem nahen Garding fach- und sachgerecht verpackt. Der Innenraum der Kirche lässt nun an die Werke des Künstlers Christo denken. Aber das passt ja.
Nächsten Tags schwang sich ein vom Kirchenkreis bestellter Fachmann für die Begutachtung von Holz auf ein Rollgerüst, um mit einer Sonde sämtliche Balkenköpfe der Decke auf Schädlingsbefall zu überprüfen. Sämtliche, also wirklich jeden Balkenkopf einzeln – jeder hat so seine Vorlieben, was die Schädlinge betrifft.
Die nächsten Handwerker waren die Mitarbeiter einer Baufirma, die die reichlich feucht gewordene Dämmung vom gesamten Dachboden der Kirche abkratzten, abräumten. Kein einfacher Job: Es ist warm unter dem Kirchendach, und schimmelige Glaswolle hat einen ganz speziellen Geruch. Zudem musste ein ganzes Gebirge von Material entsorgt werden.
Wie nebenbei wurde die Sommerluke freigelegt, eine zweiflügelige Luke in der Decke der Kirche, die schon vor 500 Jahren dazu da war, dass im Sommer Wärme und Kondenswasser in das hohe Dach und dann nach außen konnten. Diese Luke sowie alle Spalten und Fugen sind vor rund dreißig Jahren sehr sorgfältig abgedichtet worden, geradezu hermetisch. Das Ergebnis: Algen an den Wänden, Schimmel überall und Nagekäfer als dankbare Gäste. Bereits drei Tage nach Beginn der Maßnahmen roch es anders in St. Nikolai, frischer als in den vergangenen dreißig Jahren.
Bei all den Maßnahmen wurde allerdings auch festgestellt, dass etliche der Deckenbalken sich in einem äußerst fortgeschrittenen Stadium der Verrottung befinden: Algen, Schimmel und Käfer taten in dreißig Jahren eben ihr Werk. An drei Stellen droht nun gar die Decke großflächig herabzustürzen, zum Beispiel im Altarraum. Zum Beispiel während des Gottesdienstes.
Der für Eiderstedt zuständige Architekt des Kirchenkreises musste zu drastischen Maßnahmen greifen: In Absprache mit den Pröpsten des Kirchenkreises und dem Bauausschuss des Kirchenkreis wurde die Kirche von Kotzenbüll kurzerhand geschlossen: „Betreten verboten!“ Der nächste Gottesdienst fand schon im Alten Küsterhaus stattfinden.
Die gefährdeten Stellen sind vorerst mit Stützpfeilern gesichert, eine abschließende Bewertung der erforderlichen Baumaßnamen steht aus. „Es wird sich über Jahre hinziehen“, fürchtet Pastorin Gisela Mester-Römmer. „Vielleicht können wir einen Balken pro Jahr machen lassen!?“ Nach Entfernung der Dachdämmung hat der Holzsachverständige alle Balken erneut besehen und konnte, immerhin, für einige von ihnen Entwarnung geben. Doch erst nach weiteren Prüfungen wird gesagt werden können, wie groß der Gesamtschaden wirklich ist. Und wie groß der Aufwand ist für den Erhalt der Kirche.
Kleines Glück im großen Unglück: St. Nikolai hatte ursprünglich eine Gewölbedecke aus Stein. Diese Steindecke ist in grauer Zeit einmal eingestürzt, da hat man eine Holzdecke eingezogen. Weshalb die heutige und jetzt eben marode Holzdecke keine tragende Funktion hat: Auch ohne die Holzdecke würde die Kirche nicht einstürzen.
„Wir sind eine jung fusionierte Gemeinde, wir haben eigentlich inhaltliche Fragen zu beantworten und geistliche Fragen“, sagt Pastorin Mester-Römmer. „Je mehr wir jetzt über die Stabilisierung der Deckenbalken nachdenken müssen, um so weniger Kraft haben wir für die Stabilisierung der Gemeinde.“
In einigen Wochen wird man mehr wissen. Eine Prognose wird gewagt: Die Weihnachtsgottesdienste werden in der Kirche gefeiert! Doch noch viel wichtiger: Es ist niemand zu Schaden gekommen. Gott sei Dank.
Von Rainer Kolbe