Eine Erfahrung fürs Leben
Tönning – Wenn man die Schüler der neunten und zehnten Klassen der Gemeinschaftsschule in Tönning fragt, was im zu Ende gegangenen Schuljahr das Erlebnis war, das sie am meisten beeindruckt hat, so dürfte der Vortrag von Sally Perel zu den am häufigsten genannten Erlebnissen zählen.
Sally Perel, bekannt durch seine Autobiographie „Ich war Hitlerjunge Salomon“, reiste vier Wochen lang durch Deutschland und auf Einladung des Evangelischen Kinder- und Jugendbüros Nordfriesland auch entlang der Westküste. In Kirchen und Schulen berichtete er von seinem Leben.
So beispielsweise auch in der Gemeinschaftsschule Tönning. Hier sollen die Schüler Geschichte nicht nur aus Büchern erlesen, sondern Geschichte erfahren. Dazu gehört beispielsweise der Besuch von Zeitzeugen, im vergangenen Jahr waren es ehemalige polnische Zwangsarbeiter des „Dritten Reiches“. Durch die Konfrontation mit Menschen, die vermittels ihrer persönlichen Geschichte Geschichte erzählen und erfahrbar machen, werden Jugendliche nachhaltiger sensibilisiert als mit Büchern.
Den Film „Hitlerjunge Salomon“ haben annähernd alle Schüler der neunten und zehnten Klassen gesehen. Und nun sitzt der Verfasser des gleichnamigen Buches vor den Schülern in der Aula. Ein kleiner alter Mann, der Freundlichkeit ausstrahlt. Und erzählt von seinem Leben. Von diesem unglaublichen, unfassbaren Leben und Überleben:
Sally Perel, heute 85 Jahre alt, stammt aus einer strenggläubigen Rabbiner-Familie. Er wurde in Peine geboren und hatte zehn glückliche Kinderjahre. In der dritten Klasse wird er dann auf Grund der Nürnberger Rassegesetze von der Schule gewiesen. Die Familie flieht ins polnische Lodz. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 schicken die Eltern Sally und seinen viel älteren Bruder auf die weitere Flucht Richtung Osten, sie selbst gehen ins Ghetto. Der letzten Wunsch des Vaters: „Vergiss nie, wer du bist!“ Die Mutter: „Du sollst leben!“ Diese Worte, so Perel, haben ihn gerettet.
Der Überfall auf die Sowjetunion 1942 erreicht Sally und sein Bruder in Minsk. Sally Perel vergräbt seinen Ausweis, gibt sich als „volksdeutscher“ Junge aus. Zunächst arbeitet er als Übersetzer in einer Wehrmachtseinheit, bevor er in eine Hitlerjugend-Schule nach Braunschweig kommt. Dort überlebt er als Jude unter lauter Hitlerjungen, von denen er selbst einer war und wurde.
„Es ist mir gelungen, mich als Hitlerjunge zu verkleiden. Aber ich wurde es auch. Ich identifizierte mich mit der Ideologie. Nur die Notwendigkeit der Vernichtung der Juden, das verstand ich nicht: Ich wollte die Welt ja nicht beherrschen, keine blonden Frauen vergewaltigen. Alles andere konnte ich nachvollziehen!“
Tag für Tag, Stunde für Stunde die Angst entdeckt zu werden. Doch Perel hat trotz aller Todesangst nie an Selbstmord gedacht. „Ich habe mir immer selbst Mut zugesprochen: Sie müssen mich ja nicht entdecken!“ Die Worte seiner Eltern trugen ihn.
Der Riss in seinem Leben, der fortwährende Zwiespalt hält bis heute an. „Aber Hass und Rache sind nicht meins. Ich treffe mich noch heute mit meinen ehemaligen Kameraden von der Hitlerjugend. Ich war ja auch einer.“
Perel hat den Sinn seines Überlebens darin gefunden, dass er Jugendlichen von seiner Jugend berichtet: „Mein Zeitzeugenbericht soll euch ein Auftrag sein: Ich bin für euch der letzte Zeitzeuge. Jetzt seid ihr Zeitzeugen für Menschlichkeit und Wahrheit!“
Es ist ganz ruhig in der Aula in Tönning, die Schüler hören gebannt zu. Perel beeindruckte seine Zuhörer nicht nur mit seiner Lebensgeschichte und seiner aufklärerischen Botschaft – sondern auch mit der großen Lebendigkeit seines Vortrages, mit Humor und Herzlichkeit.
Nach Vortrag und Diskussion gab es stehenden Applaus. Und obwohl die Schüler den Film kannten und nun den Vortrag gehört hatten, ergriffen die meisten die Gelegenheit, das Buch am Büchertisch zu kaufen und vom Autor signieren zu lassen. Viele Schüler wählten sogar die teure gebundene Ausgabe des Buches – eine Anschaffung fürs Leben.
Eine Erfahrung fürs Leben.
Rainer Kolbe