Im Dienst der Kirchenmusik

beutlingTÖNNING – In diesem Jahr ist Günter Beutling achtzig Jahre alt geworden. Er war von 1972 bis 1992 Kantor und Kirchenmusikdirektor in Tönning, darüber hinaus Orgelsachverständiger und Kirchenvorsteher. Rainer Kolbe hat den rüstigen Rentner zu Hause besucht. Die achtzig Jahre sieht man ihm nicht an! Freundlich bekomme ich Kaffee eingeschenkt, seine Frau, die Künstlerin Claudia Beutling, reicht Selbstgebackenes.Eiderstedter kennen Günter Beutling natürlich: Als Kantor und Kirchenmusikdirektor in Tönning, als Orgelsachverständigen, Nachbarn, Kirchenvorstandsmitglied und Flötenlehrer. Ich bin ein Zugereister, mir muss er alles erzählen. Günter Beutling blättert in seinen Unterlagen, er hat sich auf unser Gespräch vorbereitet. Er holt weit aus, und gleich wird es spannend: 1946 geht er nämlich von der Schule ab und wird – Fernmeldetechniker bei der Deutschen Bundespost. Ein ungeliebter Brotberuf? Keineswegs. Beutling erzählt interessant von dieser Zeit: Anekdoten, was er gelernt hat, wie abwechslungsreich die Tätigkeit war. Aber doch auch Brotberuf, denn seine wahre Leidenschaft war immer die Kirchenmusik: Seit dem zehnten Lebensjahr singt er in Chören. Auf der Arbeit aber war er der bunte Vogel: Die Kollegen bei der Post waren weder musikalisch noch kirchlich… Beutling erlernt nebenbei das Orgelspielen, legte 1965 die C-Musiker-Prüfung ab, machte Orgelvertretung in Gottesdiensten. Und immer wieder wurde er gefragt, ob er nicht vielleicht auch im Hauptberuf an der Orgel sitzen möge – bei seinem Talent, bei seinen Fähigkeiten! 1967 lernte er die Kirche in Bordesholm kennen: „Was für ein Raum! Ein Erlebnis! Die oder keine!“, sagt er noch heute. Die Stelle des Kirchenmusikers war vakant. Bei der Post war er jetzt – nach gut zwanzig Jahre – „Fernmeldeobersekretär“. Mit ordentlichem Pensionsanspruch, versteht sich. Die oder keine?! Sein Chef bei der Post hatte große Hochachtung vor Beutlings Entscheidung, so mitten im Leben – und ließ ihn ziehen. Nun war Beutling Kirchenmusiker. Doch die Zeit in Bordesholm war geprägt nicht nur vom Raum, sondern auch von viel Arbeit – er musste den B-Schein machen. Auch innergemeindliche Auseinandersetzungen machten die Arbeit nicht einfach – das ging nicht so lange gut. 1972 kam Beutling nach Tönning, eine Empfehlung des Landeskirchenmusikdirektors. Komische Kirche, alte Orgel. Doch er lebte sich schnell ein: Die freundliche Atmosphäre unter Propst Röhl und insgesamt im damaligen kleinen Kirchenkreis Eiderstedt, dazu ein eigenes Diensthaus und der wunderbare Propsteikantatenchor. Propst Röhl lag die Chorarbeit in Eiderstedt besonders am Herzen, die Verkündigung durch Kirchenmusik. Beutling baute auf, verstand sich gut mit seiner Gemeinde, fühlte sich meist wohl im Kreis der Theologen und behielt eigene Meinungen nicht für sich. Auch mit dem späteren Probst Wulf fühlte er sich herzlich verbunden. Auf gemeinsamen Freizeiten machten beide „den Pausenclown“. Beutling lächelt verschmitzt, und ich kann es mir gut vorstellen. 1992 ist Günter Beutling in den Ruhestand getreten, zehn Jahre länger war er noch als Orgelsachverständiger im In- und Ausland unterwegs. Wobei ihm die handwerklichen Kenntnisse der Ausbildungszeit zugute kamen wie schon beim Neubau der Tönninger Barock-Orgel 1978. Beutling hat viel gewirkt in Tönning, in Eiderstedt. Er hat Fundamente gelegt, auf denen die Kirchenmusik der Halbinsel heute noch steht. Fundamente sogar für Schleswig-Holstein: Der heutige Landeskirchenmusikdirektor Hans-Jürgen Wulf war sein Klavierschüler… Heute ist vieles anders als noch vor Jahren oder Jahrzehnten: Nicht nur die Jugendlichen sind selbstständiger geworden und lassen sich weniger auf Verpflichtungen und Regelmäßigkeiten ein. Jede Woche in den Chor? Heute arbeitet man projektbezogen. Wehmut? Nein, das sei ein Phänomen der Zeit. Es ist Günter Beutling zu wünschen, dass er voller Freude auf seine Leistungen und Erfolge zurückblicken mag. Und dass ihm gemeinsam mit seiner Frau noch viele gesunde Jahre geschenkt werden mögen. Text und Foto: Rainer Kolbe